Ort: Hamburg - Logo
Datum: 21.04.2008
“Wenn ich auf ein Festival gewollt hätte, hätte ich vorher Bescheid gesagt…” war der segensreiche Spruch einer meiner Begleiter an diesem Abend. Im gesamten Freundeskreis gibt es kaum eine andere Band als PARKWAY DRIVE, die für zustimmenden Konsens allenthalben sorgt. Aber da ein Teil der Belegschaft nicht allzu oft auf Konzerten zu finden ist, scheint die mittlerweile etablierte Haltung von Veranstaltern, dass unter vier Bands auf einem Billing nichts läuft, noch nicht überall angekommen zu sein. Also auf in den Kampf und viele Unerträglichkeiten heruntergeschluckt (ich sage nur Fliegenfänger und Karate-Kids galore), denn das wäre ein Thema für eine komplette Abhandlung über den Niedergang der Hardcore-Idee. Oder um noch einmal den gleichen Freund zu zitieren, während wir im schneidenden Wind, vor dem bald überfüllten Logo warteten: „Zwischen Hardcore und Emo ist es kalt…“ Aber ironischerweise war gerade die erste Band an diesem Abend eine Gruppe, die die alten Hardcore-Ideale in Wort und Ton in die Welt hinauszutragen schien.
TO KILL
Die Italiener von TO KILL überraschten gleich am Anfang mit relativ old-schooligen Hardcore-Tönen und dazu passender Attitüde. Kaum den ersten Song in das Logo hinausgeknüppelt, wurde auch schon im schönsten Italo-Englisch auf das Elend dieser Welt hingewiesen. Die Jungs (und das Mädel an der Gitarre) scheinen ihre Sache sehr ernst zu nehmen, denn es wurde darum gebeten, sich der Band später zu nähern, um über die Vorzüge des Veganismus zu diskutieren. Das erinnerte an die Hochphase des Hardcores, wo zwischen den Songs genauso lange geredet wurde, wie einzelne Titel dauerten. Ist natürlich schön, wenn es noch politische, sozial-aktive Bands gibt, ich finde so etwas mittlerweile ein wenig ermüdend. Aber ich bin ja auch nur ein „boring old fart“… Jedenfalls war der Sound nett anzuhören, komplett Metal-frei, aber mit kleineren Breakdowns versehen. Shouter Josh machte neben seinen belehrenden Exkursionen anständig Alarm auf der Bühne und animierte den einen oder anderen schon zu einem kleinen Rempler. Als Opener durchaus eine gute Wahl, auch wenn es meiner Meinung nach im Moment bessere Bands aus dieser Richtung gibt…
SUICIDE SILENCE
Die zur Century Media-Familie gehörigen SUICIDE SILENCE ließen es sich nicht nehmen, die paar Quadratmeter Aktionsfläche der Bühne mit zwei Deko-Aufstellern zu verschönern. Damit machen die kalifornischen Death-Core-Berserker (und mit ihrer imposanten Shirt-Auswahl) ganz klar auf dicke Hose, aber der Sound kam dann doch überraschend Metal-lastig aus den Boxen geschallt. Auch waren alle Mitglieder bis auf Shouter Mitch Lucker lang behaart und trieben das Synchron-Propellern zu neuen Höchstleistungen. So machte das Ganze doch schon einmal Spaß. Herr Lucker beherrschte seine „Pig Squeals“ ebenfalls aus dem Effeff, ansonsten war dieser aber mehr in höheren Kreischfrequenzen unterwegs.
Vor der Bühne ging zeitweise schon einmal gediegen die Luzie ab und alles deutete schon einmal dezent auf die noch kommenden Danger-Seeker-Mosh-Pits hin. Mal schauen, wie es mit der Band weitergeht, denn in geschlagenen acht Jahren bekam man nur eine EP und eine Full Length (die sich wie geschnitten Brot verkaufte) auf die Reihe. Leichte bis mittelschwere Probleme bezüglich eines stabilen Line-Ups waren an diesem Umstand sicherlich nicht ganz unschuldig (ca. 12 Mitglieder kamen und gingen in der Zwischenzeit). Auf jeden Fall hat der Auftritt bei mir und dem Publikum einen guten Eindruck hinterlassen.
BURY YOUR DEAD
Ungefähr genau so viele Jahre wie SUICIDE SILENCE gibt es BYD und fast genau so viele Mitglieder haben hier das „Musiker wechsele Dich“ -Spiel mitgemacht. Dafür reichte es hier aber für ganze vier Longplayer. Letzter großer Wechsel war der Neuzugang des Sängers Myke Terry, der für den Einsatz von cleanen Vocals und Dreadlocks auf der neuesten Scheibe sorgte. Live war davon allerdings nicht viel zu hören, denn es wurde bis auf ein oder zwei Ausnahmen durchweg geshoutet und das mit einer Menge Elan. Auch wenn das Songwriting auf Dauer für meine Begriffe latent ermüdend und wenig variantenreich daher kam, war vor der Bühne nur noch ein Wollknäuel aus moshenden Menschenmassen zu bestaunen. Zwar noch nicht ganz so heftig wie bei dem folgenden Auftritt von PARKWAY DRIVE aber durchaus schon an der Grenze des Menschenmöglichen. Dies machte deutlich, dass BYD zu den momentanen Zugpferden von Victory gehören und ebenfalls für eine menge zahlender Gäste an diesem Abend verantwortlich waren… Diese wurden mit einem, man kann es nicht anders sagen, hoch-energetischen Auftritt belohnt. Mr. Terry legte einige Kilometer auf der Winz-Bühne zurück und feuerte das Publikum immer wieder an. Beim abschließenden Theme Song erschallte aus Dutzenden von Kehlen ein kerniges „Bury your fuckin´ Dead!“. Für die Zuschauer ein absolut grandioses Mosh-Fest und dadurch war die Menge mehr als bereit für die wahren Kings of „In-your-face-mosh-metal-core“.
PARKWAY DRIVE
Über PARKWAY DRIVE braucht man nicht mehr viele Worte zu verlieren. Das war jetzt das dritte Mal, dass ich den Australiern bei ihrem Vernichtungsfeldzug beiwohnen konnte und wieder einmal haben sie das Publikum vom ersten Ton an fest in ihrer Hand gehabt. Wie machen die Jungs das bloß? Aus eigentlich relativ abgegriffenen Zutaten zaubern sie ein dermaßen unwiderstehliches Gebräu, bei dem man zu keinem Zeitpunkt den Gedanken verspürt, dass man das Riff doch schon mal gehört hätte. Nein, jeder Gitarren-Akkord haut dermaßen rein, dass man nur noch unkontrolliert zu zucken beginnt. Heftig! Die Gitarren wiegen, as always, Tausend Tonnen während sie weiterhin immer noch dieses Quäntchen mehr an Können und Groove als die Konkurrenz besitzen. PARKWAY DRIVE sind der Maßstab in dieser Sparte und auf unabsehbare Zeit werden sie auch die Referenz bleiben (auch wenn der Zweitling „Horizons“ schon nicht mehr ganz so mächtig war). Sänger Winston McCall gab zwar zu Protokoll, gesundheitlich angeschlagen zu sein, dies machte sich in seiner Performance aber kaum bemerkbar. Wie immer grinste er, genau wie seine Kollegen, über beide Backen und freute sich einen mittelschweren Ast über die Publikumsreaktionen. Diese waren wieder einmal unglaublich: Da gab es keinen Kopf, der nicht locker vor sich hinbangte und wer natürlich todesmutig war, erkämpfte sich einen Platz im tobenden Pit. Um diesen machte ich bei dem Gedränge eher einen Bogen und betrieb leichtes Tresen-Moshen und fortgeschrittene Luftgitarre, denn bei Tracks wie „Smoke em if ya got em“, „Carrion“ oder „Romance is dead“ gibt es keine andere Alternative. Weiterhin sorgte Guitar Hero Luke Kilpatrick für modische Akzente, da er ein faszinierendes T-Shirt von MICHAEL JACKSON zur Schau trug… Mein Neid sei ihm sicher! Das Publikum bekam an diesem Abend zwar nur eine Zugabe zugestanden, aber nach an einem dermaßen kompakten und aufreibenden Auftritt sei den Jungs das verziehen. Lieber 45 Minuten Volldampf als ein halbseidener Auftritt. Also wie immer alle Daumen nach oben für die Surfer-Boys!!!
Sehr guter Auftritt einer grandiosen Band (gefolgt von BYD und SUICIDE SILENCE), aber mit ein oder zwei Bands weniger auf dem Billing (und mehr Luft und Platz im Logo) wäre der gesamte Abend irgendwie intensiver verlaufen. Der „Value for Money“ -Faktor ist natürlich unschlagbar, aber manchmal ist weniger doch mehr…
Copyright Fotos: Michael Päben
[Michael Päben] (21.04.2008)
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