Ort: Bremen - Aladin
Datum: 05.04.2013
Vor rund 20 Jahren habe ich meinen kleinen Peugeot häufig an Wochenenden in den frühen Morgenstunden Richtung Bremen-Hemelingen gejagt. Immer dann, wenn der Hyde Park gegen 4.00 Uhr seine Pforten schloss und der Bedarf an Konservenmusik noch nicht gestillt war. 120 km entfernt gab es nämlich das Aladin, das bis 7.00 Uhr geöffnet hatte und deshalb ein beliebtes Ziel war. Diese Zeiten sind lange vorbei, trotzdem war der traditionsreiche Tanz- und Konzerttempel an diesem Freitagabend erneut mein Zeil, weil SELIG hier einen Tour-Stop einlegten. Nun war ich zwar unverhofft schon am Mittwoch in den Genuss gekommen, die Hamburger in Dortmund zu erleben, aber wer spätnachts eine Stunde über die Autobahn brettert, um noch ein bisschen zu tanzen, der besucht auch innerhalb von drei Tagen zweimal die gleiche Band – die machen ja schließlich sogar bei jedem Auftritt beinahe dasselbe und haben Spaß daran - oder etwa nicht?
Für mich die Gelegenheit, es im nahen zeitlichen Zusammenhang herauszufinden. Wie auch im FZW präsentierte sich die Venue gut gefüllt, wobei auch hier wieder viele Besucher zugegen waren, die SELIG bereits in den Neunzigern live gesehen haben dürften. Mal ganz davon abgesehen, dass es sogar einzelne Gestalten gab, die aussahen, als hätten sie das Aladin in all den Jahren nie verlassen… Ansonsten gab’s natürlich ein identisches Bühnenbild, zu dem wieder die horizontal angebrachten, großformatigen Leuchtstäbe zählen, die im Hintergrund für verschieden farbige Lichteffekte sorgten, nachdem das Intro verklungen war, für das NICK CAVE mit seinem Song „We No Who U R“ vom aktuellen Album „Push The Sky Away“ sorgte. Dachte ich in Dortmund noch, dass es sich bei dieser Nummer eher um eine Laune des Mixers handelte, scheint es sich jedoch um die „offizielle Konzertauftakt-Melodie“ zu handeln. Es gibt schlimmeres und so servierten auch Jan Plewka (Gesang), Christian Neander (Gitarre), Malte Lehmann (Keys), Leo Schmidthals (Bass) und Drummer Stephan „Stoppel“ Eggert mit „Ich lüge nie“ und „Sie scheint“ zunächst einmal frische Kost von ihrem sechsten Studio-Longplayer“ „Magma“, dank dem die 1993 gegründete, 1999 aufgelöste und 2008 wiederbelebte Rock-Institution mit #4 ihren bisher größten Charterfolg feiern konnte. Erster Höhepunkt des Abends war sicherlich das abgefeierte „Schau Schau“ vom Reunion-Silberling „Und endlich unendlich“, bei dem sich Herr Plewka in bester Tanzlaune zeigte. Doch auch die neuen Stücke wurden wohlwollend vom Bremer Publikum begleitet, das beispielsweise bei „Love & Peace“ ausdauernd klatschte, während Malte sich zwischendurch vermittels eines Megafons Gehör verschaffte. Mit „Danke“ und „Wenn ich an Dich denke“ wurde es ein wenig ruhiger im Saal, doch schon mit dem rhythmusbetonten „Ist es wichtig?“ brodelte es wieder in der Hütte. Dieser Klassiker der zweiten Langrille „Hier“ aus 1995 wurde selbstredend ausgiebig mitgesungen, wobei ich den Eindruck hatte, dass der Hanseat im Gegensatz zum Westfalen lieber seine Hände als seine Stimme benutzt, um dem Künstler Zustimmung und Begeisterung zu signalisieren. Das sollte sich im Laufe der 135 Minuten jedoch auch noch ändern, denn insbesondere beim emotionsgeladenen Evergreen „Ohne Dich“ gab es an der Weser kein Halten mehr. Bis dahin bekamen die Fans abgesehen von „Schwester Schwermut“ und „433“ die gesamte neue Langrille auf die Ohren, wobei das gefühlvolle „Der Tag wird kommen“ sicherlich herausragend war. Stoppel bearbeitete an dieser Stelle wieder ein separates Trommelbecken, das dem Auditorium einen rostigen Dieselmotor suggerieren sollte. Im Gegensatz zu seinen Dortmunder Ausführungen, ging Jan auf die damit verbundene Schiffsthematik aufgrund der Hafen-Affinität des kleinsten Stadt-Staates gar nicht länger ein und offerierte der „zweitschönsten Stadt nach Hamburg“ (dafür erntete er Buh-Rufe) das Lied „von Fluss zu Fluss“ und beschied den Bremern, sie seien „alternative und merkwürdig“ – was aus seinem Mund aber natürlich eine echte Liebeserklärung war und letztlich gab es auch hier wieder reichlich verdienten Applaus. Das basslastige, emotionsgeladene „Zeit“ ging ebenfalls unter die Haut, gefiel mit psychedelisch angehauchten Einsprengseln und animierte den recht aufgedrehten Plewka, sein T-Shirt zu lüpfen und kurzerhand „Sweet Dreams (Are Made of This)“ von den EURYTHMICS einzuflechten. Nahtlos schloss sich „5000 Meilen“ vom 2010er „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ an. Die Gelegenheit, es auf der Stage wieder amtlich krachen zu lassen (Leo schickte gleich einmal seinen Mikro-Ständer auf die Bretter) , um dann ganz leise zu werden und den Fans die Zügel zu überlassen. Insgesamt würde ich hier den Dortmundern eine etwas bessere Note geben, wobei vereinzelt in den Bremer Reihen mehr Bewegung war. Unentschieden dürfte es bei „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ stehen: Nach dem stoischen Start der Nummer folgten ausufernde Gesänge des Publikums, das zuvor mit „Magma“ Gelegenheit hatte, wieder etwas runter zu kommen. Hier unterstützten die rot glimmenden Lichtinstallationen wieder gekonnt die druckvolle Musik, während die Bühne in rote Nebelwände getaucht war. „Die alte Zeit zurück“ war heuer bestimmt für einige der Anwesenden das beherrschende Motto. In der Tat ging es mit dem Song und dem selbstbetitelten Plattendebüt bis ins Jahr 1994 zurück und auch das immer wieder ergreifende „Bruderlos“ zählt bereits 18 Lenze, hat jedoch nichts von seiner Prägnanz und Schönheit verloren. Gleichzeitig markierte der jaulende Sechssaiter von Christian Leander an dieser Stelle aber auch das Ende des regulären Sets, weshalb sich SELIG nach 90 Minuten erst einmal für einige Augenblicke ins Off verabschiedeten.
Die Bremer ließen sich jedoch bei ihren „Zugabe“-Akklamationen nicht lumpen, sodass der Fünfer wenig später wieder zur Stelle war und vermittles „Sie hat geschrien“ mit viel Rhythmus in die Verlängerung ging. Zuckende Lichter lagen über die Szenerie und zum wiederholten Male wand sich Jan auf dem Boden, wohin sich bei „Die alte Zeit zurück“ auch der Bassmann gesellt hatte. Textsicherheit durfte bei diesem Oldie but Goodie ebenfalls vorausgesetzt werden; der Aladin-Chor gab sein Bestes und wurde auch nicht müde, das knackige „Wenn ich wollte“ abzufeiern. Diesmal ging Kollege Neander auf die Bühnenbretter, um dort in aller Ausführlichkeit seinen Sechser zu bearbeiten und am Ende lag auch Jan wieder unten, während grelle Lichtblitze durch „Das Dröhn“ (wie man die Location auch gern nennt) jagten. Für den bereits erwähnten Gefühls-Overkill namens „Ohne Dich“ wechselte Christian vorübergehend an die Akustikklampfe, zuletzt waren dann aber wieder die Stromgitarre und Volldampf gefragt. Verbeugungen und ein weiterer Abgang schlossen sich an, bevor zunächst einmal Malte Neumann allein zurückkehrte und seinem Tasteninstrument spaciges Gefrickel entlockte, das in einem Orgelsound mündete und den Rest der Truppe zurück beorderte. „Alles auf einmal“ ging erneut ins Bein, ehe mit einem staubtrockenen Aufgalopp der Klassiker „Mädchen auf dem Dach“ eingeläutet wurde. Dieses Lied haben SELIG ihren Dortmunder Fans vorenthalten, die auch nicht mit dem akustischen „Regenbogenleicht“ bedacht wurden, mit dem die Show schließlich um 22.30 Uhr endete. Natürlich stand vorher noch das Highlight „Wir werden uns wiedersehen“ auf dem Programm. Nach ein paar Akkorden übergab der Fronter den Fans seinen Job und hörte zu, wie lauthals der Text skandiert wurde. Gänsehaut-Stimmung lag in der Luft und es wurde ein wahrlich großes Finale zelebriert. Die Bremer wollten gar nicht mehr aufhören zu singen und zu applaudieren und offensichtlich waren auch die St. Paulianer bester Stimmung, denn das Stakkatoklatschen und der energische Gesang der Zuschauerschaft holten die Jungs noch einmal zurück ins Rampenlicht, wo sich das Quintett in vorderster Front aufbaute und gemeinsam mit dem Publikum den Abend „Regenbogenleicht“ ausklingen ließ.
Es war einmal mehr ein absolutes Vergnügen und spätestens jetzt hätten vermutlich so ziemlich alle Plewkas Frage vom Anfang „Wir sind SELIG, seid Ihr es auch?“ mit einem deutlichen Ja! beantwortet. Die Herrschaften waren heute vielleicht noch in etwas besserer Spiellaune als zwei Tage zuvor in Dortmund, wo aber auch bereits auf hohem Niveau agiert wurde. Westfalen und Hanseaten sind einander ebenbürtig und haben offensichtlich ein ähnliches Naturell, das es erfordert, zunächst ein wenig warm zu werden. Der Sound war im modernen FZW eine Idee besser, dafür strahlt das alte Gemäuer des Aladins mehr Charme aus. So oder so: zwei wunderbare Abende mit einer wunderbaren Kapelle, die ich sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen habe.
Setlist
Ich lüge nie
Sie scheint
Schau Schau
Arsch einer Göttin
Love & Peace
Danke
Wenn ich an Dich denke
Ist es wichtig?
Der Tag wird kommen
Zeit
Bring mich heim
5000 Meilen
Magma
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Die alte Zeit zurück
Bruderlos
Sie hat geschrien
Wenn ich wollte
Ohne Dich
Alles auf einmal
Mädchen auf dem Dach
Wir werden uns wiedersehen
Regenbogenleicht
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff
[ump] (05.04.2013)
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