| Artist | VARIOUS ARTISTS | |
| Title | Punk Attitude (2-DVD) |
Als mein alter Schulfreund Tim im Februar 1986 beschloss, sein Outfit nach Weiberfastnacht nicht mehr zu ändern, sollte auch im gutbürgerlichen Verl der Punk seinen Siegeszug antreten. Die Haare hoch toupiert, die Jeans mit allerlei Löchern durchsät, mit netten Sprüchen wie „Fuck Off" oder auch grandiosen Weisheiten à la „Heil Kohl!" geschmückt war er da: Der erste Punk aus Verl, der eigentlich aus Sennestadt kam. Schüchterne Versuche aus der Oberstufe (wir waren damals in der zehnten) mit Doc Martens und New Wave dagegen zu halten, waren zwecklos. Auch 10 Jahre nach seiner Geburt verlor der Punk nichts von seinem Aufsehen und Provokation. Für uns hatte das nur zur Folge, dass wir auf keine Party außerhalb der Klassengemeinschaft mehr eingeladen wurden, uns aber jeder kannte, obwohl wir doch nur mit Tim (in den Pausen!) rum hingen, der halt Punk war, trotzdem zur Schule ging und nicht besonders viel Alkohol vertrug. So oder so ähnlich dürfte sich wohl für viele die erste schüchterne Annäherung zum Punk dargestellt haben. Nicht gerade förderlich war die Ungnade der späten Geburt bzw. dass das provinzielle Deutschland den Hot Spot des Punks erst mit der deutschen Welle erkannte, welche diesen sogleich absorbierte, wäre da nicht Nina Hagen gewesen.
„Punk Attitude“ von Don Letts ist ein Film, der sich, übrigens, ähnlich wie „Heavy Metal – Louder than Life“ (ebenfalls erschienen bei Polyband), als eine Reportage präsentiert und es ebenso versteht, mehr oder weniger wichtige Personen historisch korrekt, nach Ursprung und Auswirkung geordnet, darstellt. Das ist für viele bestimmt zu nüchtern und zu unaufgeregt, nur befasst man sich hier auch ein Stück weit (ich liebe diese Formulierung!) mit Zeitgeschichte. Besonders imponiert mir, dass man die Roots des Punk schon bei Jerry Lee Lewis oder sogar Elvis sucht, was ganz persönlich auch immer meine Auffassung war. Man kann das Genre sogar richtiggehend hassen und dennoch mit Genuss diese DVD schauen. Als Fazit wird man trotzdem feinstes Infotainment erhalten und mehr noch, man wird sogar neugierig auf Bands wie MC5 oder SUICIDE. Bestens wird die Musik in Relation zu politischen Ereignissen gesetzt und doch bleibt der Fokus auf die Sounds gewichtet. Man kann fast erahnen, warum sehr viele Punks im späteren Geschäftsleben absolute Überflieger werden sollten. Ihre Rebellion war echt und es galt, höhere Hürden zu nehmen, als dies Heute der Fall sein könnte. Aus einem anderen Sichtwinkel ist das bestimmt auch lächerlich, ähnlich als wenn man heute in diversen Hochschulen Bands betrachtet, die noch nie zusammen geprobt zu scheinen haben.
Neu war für mich auch, dass Englische und Amerikanische Punk Attitüde sich zwar irgendwie ähnelten, sich dann aber auch wieder grundlegend unterschieden. Neben allerlei kleineren Geschichten (Herrlich die Proberum-Anekdoten von David Johanson, Sänger der NEW YORK DOLLS, oder den RAMONES) wird auch immer wieder der fließende Übergang zum New Wave oder Hardcore zum Thema gemacht. Punk zeigt sich hier nicht als eine Zeitinsel, sondern als Zeitphänomen im Progress. Sicherlich sind da immer mal wieder Seitenhiebe auf Bands und Musiker, welche im damaligen Kontext einfach scheiße waren, aber Punk war nun mal radikal und hatte nichts mit den Hundehaltern und 1 Euro Schnorrern in Bahnhofsgegenden zu tun. Punk war Zeitgeist und sollte bis in die heutige Zeit immer seine Einstellung geltend machen.
Man kann dieser DVD durchaus Originalität absprechen, da mit der Veröffentlichung zum Heavy Metal (s.o.) ein ähnliches Werk zu Tage trat, nur ist der Ansatz des Punks ein anderer und das versteht diese Doppel DVD eindeutig herauszustellen. Ich kann dieses Werk wirklich jedem, der sich auch nur ansatzweise als musikinteressiert bezeichnet, ans Herz legen, auch dir Tim. Hier ist ein Promo Aufhänger zur Wahrheit gereift: „Punk Attitude“ gibt den ultimativen Überblick über die Musik, Kultur, Fashion des Punk...“
[DJ Mende] (01-05-2007)
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