| Artist | VARIOUS ARTISTS | |
| Title | Songs for a Child - A Tribute to Pier Paolo Pasolini | |
| Leserbewertung | 4.00 von 10 Punkten (5 Bewertungen) |
Pier Paolo Pasolini - Eine umstrittene Legende. Intellektueller, Kommunist, Poet, Homosexueller. Und einer der kontroversesten Filmemacher seines Landes, das wahrlich nicht arm an Regie Exzentrikern ist bzw. vor allem in den 60ern/ 70ern war. In der öffentlichen Wahrnehmung vor allem bekannt für "Die 120 Tage von Sodom", ein Film wie ein Faustschlag ins Gesicht der Bourgeoisie, allein in Deutschland verließen 1975 die Zuschauer in Scharen die Kinosäale angesichts der nie dagewesenen Obszönitäten. Dabei handelte es sich im Grunde ja um ein intelligentes Gleichnis auf Ausbeutung und (faschistische) Macht. Kurze Zeit später endete Pasolinis Leben auf eine ebenso brutale Weise wie er einst gelebt hatte. Mehrfach überfahren wurde er in Ostia auf einem Fussballplatz aufgefunden. Um die Hintergründe der Tat ranken sich bis heute Legenden. Eine Biographie, die quasi nach einer musikalischen Umsetzung schreit, vergleicht man diverse andere Projekte, die sich mit weit weniger bedeutenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte auseinander setzen.
Das Rustblade Label, welches vor allem für experimentelle/ härtere Elektronik steht, füllt nun das Vakuum mit einer wunderschön gestalteten Box, in der sich auch ein "magisches" Amulett sowie ein "Postkartenbuch" befinden, exzellentes Artwork inklusive. 14 Ausnahme Künstler aus den eher avantgardistischen Randgenres sind mit an Bord, um dem unorthodoxen Humanisten (innerlich so "rein" wie das titelgebende Kind) zu huldigen. Als Opener wurde ein beschwörendes Akustik Stück der legendären Londoner Formation COIL gewählt, welches ursprünglich 1986 auf dem Album „Horse Rotorvator“ erschienen ist. Direkt dem Sterbeort Pasolinis gewidmet erhält „Ostia (The Death of Pasolini)“ durch den tragischen Tod von John Balance im Jahre 2004 einen sehr bitteren Querverweis bzw. Beigeschmack. Ein Vorgeschmack auf das für September avisierte neue SPIRITUAL FRONT-Werk ist der Titel „My Erotic Sacrifice“, mit Abstand der „poppigste“ Song auf diesem Sampler und dennoch wie immer eine Ohrenweide. Gerade der Einsatz von Streichern ist hier sehr positiv zu nennen. IN SLAUGHTER NATIVES setzen einen weiteren Glanzpunkt mit „Never Closed My Eyes“, ein Stück zu dem im Netz auch ein interessantes Video existiert. Dahingehauchte männliche Vocals in Verbindung mit Spinettartigen Klängen sorgen für einen athmosphärischen Sog. Das Belgische Projekt AH CAMA-SOTZ nimmt mit „Les Mille Et Une Nuits“ direkt Bezug auf einen 1974er Pasolini Streifen, der hierzulande als „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ bekannt ist. Und das sind nur die bekannteren Namen, manch ein Teilnehmer dieses Tributs kann selbst auf eine sehr bewegte Historie zurückblicken. Nehmen wir mal das deutsche Trio NUEVA GERMANIA, welches sich nach einem kleinen Dorf in Paraguay benannt hat, das wiederum von der Schwester Friedrich Nietzsches mitbegründet wurde, um dort eine arische Enklave aufzubauen. Das Ganze scheiterte natürlich und die Musik ist zwar schwer experimentell aber nicht politisch, bevor hier wieder jemand schreit. Ein Albumname wie „Pure Vaginal Music For Masses“ deutet auf der Humorverständnis der Herren hin. Humor haben natürlich auch die CATHOLIC BOYS IN HEAVY LEATHER (aka Joke Stryker & Rotor Siffredi), die sich der Legende nach in der Schweizer Garde des Vatikans kennengelernt haben. Sie beginnen ihr Opus mit einem Sample über Pasolini und bieten danach Nervenzerrenden Rythm N Noise mit ein paar Effekten garniert. Da ist das Instrumental der italienischen Dark Waver THE FROZEN AUTUMN schon konventioneller geraten. Besonders hervorheben möchte ich noch TEATRO SATANICO, die mir mit ihrem Debüt schon viel Freude bereitet haben, die Neosatanisten bieten schrägen, Dub angehauchten Chillout Electro mit verzerrt dämonischer Stimme. Und BLACK SUN PRODUCTIONS, die Spielwiese der Schweiz-Italiener Massimo & Pierce, starten mit Ethno-Klängen, um in sehr bildhafter Elektronik mit Sprechgesang zu enden. Die Beiden arbeiteten u.a. schon mit COIL, SONNE HAGAL und LYDIA LUNCH zusammen. Der eine oder andere Act des Rustblade Labels komplettiert den bunten oder soll ich lieber sagen pechschwarzen Reigen.
Ein wahrhaft aussergewöhnliches Produkt in Erinnerung an einen Manisch Besessenen ist hier entstanden! Die Sammlung überwiegend obskurer Beiträge kann mit Charme und Stil punkten, viele Tracks sind rar bzw. bislang unveröffentlicht und der Bezug zum Gehuldigten ist entweder offensichtlich oder zumindest implizit durch die jeweilige Themenwahl gegeben. Pasolini selbst hätte sicher seinen Gefallen an dem Spiel mit Religion, Erotik, Satanismus etc. gefunden und natürlich an dem Willen zur Provokation, den doch einige Künstler hier zur Schau stellen. Pflichtkauf für anspruchsvolle Liebhaber des bizarren Tondokuments, die im Anschluss am besten einen Klassiker aus Pier Paolos Filmographie goutieren sollten. „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ bietet sich hier beispielsweise an...
[tk/ Lord Khaos] (09-07-2009)
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